The Deep Blue - See?

Sicherlich werden die meisten Fotografen schon mal etwas von der sagenumwobenen “Blauen Stunde” gehört haben, Begriffe wie “Happy Hour” und “Goldene Stunde” meinen das Gleiche und allen gemein ist die Tatsache, dass es sich bei diesem Zeitraum keineswegs um eine volle Stunde handelt.

 

Gemeint ist der Zeitraum kurz nach Sonnenuntergang, Frühaufsteher genießen das Schauspiel, das vor allem bei schönem Wetter wirklich zum Tragen kommt, auch kurz vor Sonnenaufgang.

 

Abhängig von Location und Datum startet der Spaß zwischen 3:54 Uhr und 7:49 Uhr bzw. abends zwischen 16:04 Uhr und 22:50 Uhr. Die Uhrzeiten beziehen sich auf Hamburg im Jahr 2019, jeweils zur Sonnenwende, in diesen Breiten dauert das Ganze etwa 54 Minuten (Sommer) bzw. 43 Minuten (Winter) und wird zum Äquator hin kürzer. In Mombasa muss man sich mit der halben Zeit begnügen. Weiter nördlich, z.B. in Bergen (NO) kommen wir im Sommer locker auf 5 Stunden.

 

Die Mechanismen, die da greifen, sind morgens wie abends die Gleichen: die Sonne steht in 4-8 Grad unter dem Horizont, der daraus resultierende Einfallswinkel des Lichts macht "das gewisse Etwas". Den Rest muss der Fotograf selbst beisteuern und dazu kommen wir jetzt:

 

Motive

 

Am besten kommt das Licht natürlich zur Geltung, wenn man eine ordentliche Portion Himmel im Bild hat, vorzugsweise mit Horizont, um den typischen Übergang von Blau zu Rot mit ins Bild zu kriegen, der einen wichtigen Teil der Lichtstimmung ausmacht. 

Sehr schöne Wechselwirkungen treten auch im Zusammenhang von blauer Stunde und Kunstlicht auf. Am besten fotografiert man also Panoramen bzw. Landschaften oder nutzt diese wenigstens als Hintergrund, z.B. für ein stimmungsvolles Portrait oder ein interessantes Objekt im Vordergrund.

 

Planung

 

Der wichtigste Punkt dürfte die Frage nach dem “Wann” sein. Angaben zu Sonnenauf- und Untergang finden sich auf fast jeder Wetterseite im Internet, bequemer ist sicherlich das Verwenden einer auf diese Art Berechnungen spezialisierten Website oder einer App. (siehe Fußnoten)

 

Auf jeden Fall von Vorteil ist eine gewisse Ortskenntnis bzw. solide Planung der Motive, die man ansteuern will. Ich würde allerdings empfehlen, sich  auf ein Motiv festzulegen und in Abständen zwischen einer und fünf Minuten eine Bildserie zu fotografieren. 

 

Wichtig ist vor allem rechtzeitig vor Ort zu sein. Wenn der Spaß losgeht, dann auch wirklich von einem Moment auf den anderen, als wenn jemand einen Schalter umgelegt hat.  Angesichts des begrenzten Zeitrahmens sollten die Ausrüstung wie auch der Fotograf sofort einsatzbereit sein.

 

Technik und Anwendung

 

Um die typische Lichtstimmung einzufangen, bedarf es keiner speziellen Ausrüstung, erlaubt ist was gefällt oder was man halt gerade dabei hat. Es ist allerdings nicht zu verleugnen, dass eine technisch hoch entwickelte Kamera in lichttechnischen Grenzsituationen- also nach Sonnenuntergang- das Leben erheblich erleichtern und spürbare Auswirkungen auf die Bildqualität haben kann. 

Zum Aufhellen sollte man je nach Motiv einen geeigneten Blitz bzw. ein kleines Dauerlicht bereithalten.

 

Mit zunehmend geringerem Umgebungslicht wäre ein belastbarer High- ISO Bereich wünschenswert. Die Verwendung eines Stativs kann auch eine Alternative sein, dabei ist dann allerdings unbedingt darauf zu achten, dass sich nichts in Bewegung im Bild befindet. Schon eine leicht gekräuselte Wasseroberfläche zum Beispiel verliert bei einer halben Sekunde Belichtungszeit deutlich an Definition.

 

Es gibt allerdings noch einen anderen guten Grund, ein Stativ dabei zu haben. Es ist nämlich durchaus interessant, wie sich das Licht und somit die gesamte Stimmung von Minute zu Minute ändert. Einfach die Kamera auf das Stativ montiert und automatisiert oder manuell alle 60 bis 120 Sekunden ein Bild machen.

Morgens lohnt es sich bei klarem Himmel so lange zu warten, bis die Sonne tatsächlich den Horizont überschritten hat, die letzten Minuten bis dahin verleihen einem den richtigen Kick um in den Tag zu starten und generieren nicht selten faszinierende Fotos. 

Achtung: um ausgebrannte Stellen im Bild zu vermeiden hilft es, die Belichtung um 0,3 Blendenstufen nach unten zu korrigieren. Die daraus resultierenden „unterbelichteten“ Stellen lassen sich später leicht aufhellen, ausgebrannte Spots im Bild sind eher schwierig zu korrigieren.

 

In Aufnahmesituationen abseits ausgetretener Pfade, also auch in anspruchsvollen Lichtverhältnissen, bestätigt sich einmal mehr- wer mit seinem Equipment gut vertraut ist, ist klar im Vorteil- wenn es darum geht, sich auf eine neue Herausforderung einzustellen. Bezogen auf die blaue Stunde bedeutet das, dass man ggf. an den genutzten AF-Messfeldern Anpassungen vornehmen, evtl. manuell fokussieren und natürlich auch die Belichtung bzw. Belichtungsmessung „on the fly“ im Griff haben muss.

 

Und im wirklichen Leben

 

Wenn man die oben genannten Punkte berücksichtigt, hat man durchaus sehr gute Chancen, mit einigen tollen Fotos nach Hause zu kommen. Und auch wenn der Zeitrahmen so weit festgeschrieben ist: es lassen sich auch kurz vor oder nach der Dämmerung tolle Bilder schießen. 

Davon ab sollte man aber bei allem Ehrgeiz eines nicht vergessen: manchmal lohnt es sich innezuhalten, tief durchzuatmen und einfach den Moment zu genießen. 

 

App für Android / iOS

 

Sun Surveyor (0.- € bis 10,99 €) 

Zeigt die Uhrzeiten der verschiedenen Phasen des Sonnenstandes an beliebigen Orten.

 

Website

JeKoPhoto: https://bit.ly/2M6pi0M

© by  Andreas Glummert, Fine Art Lichtbildner / Marinefotograf
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